Die Kunst der Intervention 3 (2014)

Die Kunst der Intervention – Projekte der Lichtenberg Studios
Galerie im Ratskeller Lichtenberg 17. April – 24. Mai 2014
Präsentation künstlerischer Interventionen des artist’s in residency Programms der Lichtenberg Studios 2013

Dortohea Bohde
Lichtenberger Tischgespräche
Nach einer Erkundigung des Bezirks ziemlich kreuz und quer habe ich ein altes Postrad gemietet und so
ausgerüstet, dass es vorne zum Tisch wurde. Das schwere Rad und das Berliner Pflaster schränkten allerdings meinen Aktionsradius ziemlich auf Rummelsburg, den Viktoria- Kiez und den Weitling-Kiez ein. Es gab ein Thema:
„Wann ist Heimat?“ Aber manche Menschen wollten lieber von sich erzählen.


Marula di Como / Celina Gonzalez Sueyro
Beschäftigten sich mit Georg Christoph Lichtenberg und stellten Aphorismen von Ihm in den öffentlichen Raum. Georg Christoph Lichtenberg (1742- 1799) war ein Mathematiker und Professor für Experimentalphysik. Lichtenberg gilt als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus.


Tina Dillman
1. Verlassen Sie das Gebäude und gehen Sie für 10-20 Minuten zu Fuß durch die Nachbarschaft.
2. Bewundern Sie während dieser Wanderung die Gebäude und die Umgebung, aber seien Sie sich auch bewusst, was auf dem Boden liegt.
3. Wenn Sie etwas auf dem Boden liegen sehen, das für Sie von Interesse ist, nehmen Sie es mit und bringen Sie es zurück zur Galerie. Zeigen Sie Ihr Objekt auf dem Präsentations-Tisch für die Dauer der Ausstellung.
4. Machen Sie gerne ein Foto von Ihrem Objekt, nachdem Sie es auf den Tisch in der Galerie platziert haben, und senden Sie das Bild an: tinamdillman@gmail.com. Teilen Sie uns auch gerne alle Kommentare und Gedanken, die zu dem Projekt gehören, mit.
Vielen Dank für Ihre Teilnahme!


Daniela Ehemann
“Home” oder wenn nächtens Topfpflanzen und Behelfsgardinen aus den Bürohäusern entfernt werden”
Stück für Stück wird in dieser Animation der Aneignungsprozess von Wirklichkeit durch die Zeichnung sichtbar. Ziel ist es, die Idee von einem “Home” = „Haus“ in einem Linienzug aus genau 8 Strecken zu zeichnen, ohne eine Strecke zweimal zu durchlaufen. Die Einfachheit der animierten Hausdarstellung spielt aber auch inhaltlich mit der Suche nach dem “perfektem”Zuhause”, in der Architektur meist symbolisiert durch die Moderne “dem “Reinen und Feinen”, z.b. den “perfekten Arbeiterwohnungen” u.s.w., mit denen sich die Künstlerin während ihres Aufenthalts in den Lichtenbergstudios auseinandergesetzt hat.
(Begleitmaterial stammt aus Berichten und Interviews von und mit Anwohnern des Plattenbautyps P2, z.B.
Sebastian Mai (Fennpfuhl) Herr und Frau Haensel (Hohenschönhausen) Rainer Bosse Vorsitzender des
Bürgerverein u.a.)


Feger/Stumpf
Während unseres Aufenthaltes in Lichtenberg beschäftigten wir uns insbesondere mit dem ehemaligen
Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Ecke Frankfurter Allee/Ruschestraße. Uns interessierte die architektonische Präsenz des Gebäudekomplexes innerhalb des Stadtteils und der Umgang mit diesem geschichtlichen Ort bzw. sein Verbleib.In unserer Intervention mit einer mobilen Klanginstallation wollten wir auf einen Teil dieser Geschichte aufmerksam machen und dabei auf die Ausstrahlung des Ortes reagieren.Die Klangcollage ist aus alten Aufnahmen von Zahlensendern zusammengesetzt, die weltweit zur Übermittlung von geheimdienstlichen oder militärischen Nachrichten genutzt werden. Einige dieser Aufnahmen stammen aus der ehemaligen DDR und Sowjetunion. Des Weiteren installierten wir auf dem Gelände eine vergrößerte Abbildung eines sowjetischen One-Time-Pads, welches zur Entschlüsselung der kodierten Nachrichten verwendet wurde.


Frauke Frech
“Mein ganz privates Deutschland”
Aufgefallen, dass ich Deutschland, mein sogenanntes Heimatland, kaum kenne, ist mir, als ich vor über zehn Jahren als AuPair auf Island war. Das erste Mal in der Fremde, fielen mir plötzlich massenweise Bildbände über Deutschland in die Hände, die Orte, Landschaften und Menschen zeigten, mit denen ich bisher nie in Berührung gekommen war. Der Wunsch die Menschen, die in Deutschland leben, ihre Ansichten und Werte kennen und so besser verstehen zu lernen, kam in mir auf. Dieser Wunsch ist geblieben und gewachsen, bis ich 2013 beschloss, mich für jeweils drei Monate den BewohnerInnen eines anderen Ortes in Deutschland zu widmen. Orte, die mich wegen ihrer Geschichte und ihres Wandels, besonders in jüngerer Zeit, interessieren. Ich möchte von den Menschen erzählen, die diese Orte zu dem machen, was sie sind und frage mich: Was haben wir als Fremde, aber auch als NachbarInnen in dieser Gesellschaft zu teilen? Begonnen hat alles 2013 in Berlin-Lichtenberg.
In den Köpfen vieler ist Lichtenberg geprägt von der Stasi, von Platten und Nazis. Dazwischen viel Grün, viele RentnerInnen, VietnamesInnen, HartzerInnen. Entschlossen mich auch meinen Vorurteilen zu stellen, machte ich mich auf den Weg um LichtenbergerInnen kennenzulernen und sie für das Projekt zu gewinnen. Im Laufe eines halben Jahres habe ich viele persönlich kennengelernt und durfte im Austausch mit ihnen, mindestens einen Schritt hinter die Fassade, in ihre Wirklichkeit setzen und sie in meine.
Ausgewählte Begegnungen wurden zu Performances verarbeitet, die das Publikum direkt, persönlich und unter vier Augen ansprechen. In einem Raum des Museums Lichtenberg, der mit geliehenem Mobiliar von meinen  Lichtenberger Bekannten gestaltet wurde, konnte man sie erleben.


Stella Geppert
Verortung und Aneignung in und von Räumen sind für mich ein wechselseitiges Be- und Umschreiben von gesellschaftlichen Verhältnissen existentieller Art. Meine Arbeiten bewegen sich an der Schwelle des „alltäglich Unsichtbaren“, sie „loggen“ sich in Strukturen ein und machen Vorhandenes in seiner Verschiebung erst sichtbar.
Kommunikations-, Denk- und Handlungsformen finden eine konkrete räumliche Umsetzung. Ich betrachte Handlungen der Raumaneignung als eine Vorstufe „architektonischer Formprozesse“ und der Möglichkeit der aktiven Umgestaltung vorgegebener architektonischer, institutioneller Rahmenbedingungen.


Thorsten Goldberg
Vom 15. bis zum 26. Oktober lief ich ca. 130 km durch den Bezirk, kaufte für 23,15 € Essen ein, verbrachte einen Tag im Badezimmer des Studios und zählte die Fliesen, Heizkörperrippen und Handtuch-Linien. Die restliche Zeit suchte ich nach Analogien auf 52°30’10“ und bewegte mich dabei 13.568 km westwärts, das heißt eigentlich stand ich still und ließ die Welt unter mir drehen.


Hochschule für Künste Bremen
Sören Weigel (siehe Lichtenberg Studios, Jahrgang 3 (2013), Heft 19)
In meinen beiden Arbeiten habe ich versucht, mit vorhandenen und als wertlos oder nicht mehr brauchbaren Gegenstände, die ich in Lichtenberg gefunden habe, zu arbeiten. Bei beiden Arbeiten wollte ich jeweils zwei Gegenstände oder Orte, die sich in nächster Nähe zueinander befinden, in Zusammenhang bringen.
Soweit ich das für die kurze Zeit und die Größe Lichtenbergs sagen kann, habe ich Lichtenberg als gemischten Stadtteil wahrgenommen. Die Bürger, mit denen ich gesprochen habe, haben großteils positiv und interessiert auf meine Arbeiten reagiert.


Yeon-Ji (in der Ausstellung)
Am Anfang war Lichtenberg für mich ein fremder Bezirk in Berlin. Aber während ich auf der Straße fotografierte, zeichnete, Material kaufte und meine Ideen darstellte, konnte ich direkt und indirekt den Ort und die Bewohner kennenlernen. Lichtenberg ist jetzt für mich ein interessanter Ort, an dem man die Atmosphäre von Ost-Berlin spüren kann.


Sara Förster (in der Ausstellung)
_„Die Möglichkeit auf eine bessere Aussicht“ ist eine Fotoarbeit über Parkbänke. Viele Bänke im öffentlichem Raum sind an Plätzen aufgestellt, die nicht zum Verweilen einladen, da die Orte häufig trist und verlassen daliegen. Im nahen Umkreis der Bänke suchte ich nach einer besseren Aussicht, die ich auf einem Polaroid festhielt und an die Bank anbrachte, um Personen, die sich doch mal niederlassen sollten, einen Vorschlag für eine bessere Aussicht, den diese Bank haben könnte, zu zeigen. Die Polaroids waren so angebracht, dass der Betrachter sie mit nach Hause nehmen kann, falls ihm dort eine schöne Aussicht fehlt. Die Zusammenarbeit mit den Lichtenberg Studios ermöglichte es auf die angenehmste Weise, sich in neuen Bereichen künstlerisch zu erproben. Das intensive Arbeiten vor Ort mit dem Ziel der Präsentation der Arbeiten am Wochenende war eine Herausforderung im positivsten Sinne. Die Vorgaben für die Arbeit waren ein organisatorisches Gerüst, anhand dessen fokussiert und trotzdem frei in der Entfaltung agiert werden konnte. Für mich war es eine spannende, zum Teil auch überraschende und neue Erfahrung, an den Lichtenberg Studios teilnehmen zu dürfen. Etwas ganz besonderes ist auch die Publikation unseres Projektes, da so die Arbeiten der ganzen Gruppe nochmals zusammengefasst und den Lichtenbergern präsentiert werden.


Jonina Mjöll Thormodsdottir (siehe Lichtenberg Studios, Jahrgang 3, Heft 19)
Fest – gepresst
Grau
Glatt ( an der Oberfläche )
Zerbrechlich
Leise erinnert der Stadtteil
an das Unausgesprochene
der Vergangenheit


Hannes Deters (siehe Lichtenberg Studios, Jahrgang 3, Heft 19)
In der Mathildenstraße in Lichtenberg schienen die Visitenkarte der Autoankäufer sich keiner Beliebtheit zu erfreuen. Ganz im Gegenteil zum Interesse an den dort parkenden PKWs. Ich entschloss mich, die Straße von den Karten zu säubern. Über 150 Karten wurden gesammelt und zu einer auffälligen Werbetafel umfunktioniert.
In der Hoffnung, die Karten würden nun beachtet, wurde die Tafel in der Mitte der Mathildenstraße aufgehängt unddie Karten kehrten an ihren Ursprungsort zurück.
Export – Import


Claudia Piepenbrock (siehe Lichtenberg Studios, Jahrgang 3, Heft 19)
Die Sprache der Straße.
Geometrische Formen, Linien, Kreise, Kästchen, begrenzte Flächen, Vorgaben, Handlungsanweisungen,
Information und Wissen.
In den Wiederholungen und Normen bis zum Zeichen der Sinnleere.


Amina Brotz (in der Ausstellung)
Das Alltägliche und Unscheinbare – der fragile Moment, doch durch die eigene Wahrnehmung gefilterter Umwelt.
Während Spaziergängen durch Berlin Lichtenberg und der späteren Arbeit/Recherche im Stadtraum entstanden verschiedenste künstlerische Arbeiten, die stets beeinflusst waren voneinander und miteinander, von Situationen, von Erlebtem, vom Umraum…
Dabei interessiert mich, die genormte Wahrnehmung mit Hilfe von vorhandenen Materialien, Flächen und
Strukturen zu hinterfragen.


Felix Deters/Thomas Krüger (in der Ausstellung)
Vor unserer ankunft in Berlin Lichtenberg beschlossen wir, in diesem projekt gemeinsam zu arbeiten.
Die rahmenbedingungen – zeitraum – budget – stadtteilbezug – wollten wir innerhalb einer arbeit größtmöglich verdichten.
Wir entschlossen, das uns von der hfk Bremen zur verfügung gestellte gemeinsame budget von 100 € im sinne einer intervention als taxifahrt durch den stadtteil mit einem ur-Lichtenberger taxifahrer zu nutzen, und unser freies gespräch mit ihm per audiomitschnitt zu dokumentieren und zu veröffentlichen.


Zoe Dittrich (siehe Lichtenberg Studios, Jahrgang 3, Heft 19)
Es wurden lebensgroße Nippel (Brustwarzen) mit doppelseitigem Klebeband in Berlin-Lichtenberg an
verschiedenste Orte geklebt. Dabei ging es um die Irritation, die beim Betrachter ausgelöst wird, wenn diese versteckten, zarten und fleischigen Körperteile auf den öffentlichen Raum prallen, auf Materialien wie Beton, Holz, Metall… und sich dabei wie ein Tack durch den Stadtteil ziehen.


Jacob Jensen
Bei meinem Aufenthalt in den Lichtenberg Studios im April 2013 gab es zwei besonders penetrante Geräusche im Hintergrund: Nachbarn waren eine Rund-um-die-Uhr-Nachtigall und die S-Bahn-Züge, die immer fuhren. Es war wie ein Wettstreit, ein Battle zwischen Natur und Kultur. Ein bisschen wie der Kontrast zwischen Mozart und Presslufthammer… Ich fand nicht wirklich ein Miteinander, aber immerhin ein Nebeneinander (saisonbedingt).
Dafür, dass die Nachtigall so laut singt, ist sie sehr unscheinbar und versteckt sich gern, aber es ist mir tatsächlich gelungen, sie zu fotografieren.


Jiandyin
Setzten sich, immer gegenüber mit einem Sitzkissen in Ihrer Mitte, auf Plätze in Lichtenberg und zeichneten diejenigen, die sich hinsetzten. Gern ließen Sie sich von den Gezeichneten zu sich nach Hause zum Essen einladen.


Thomas Judisch
Das Lieblingskleidungsstück einer Person, eine Jacke zum Beispiel, wird an die Wand gehängt und fotografiert.
Dieses Foto wird in Originalgröße des Kleidungsstücks auf eine PVC-Folie gedruckt. Das gedruckte Kleidungsstück wird an seiner Kontur entlang ausgeschnitten und an der Wand befestigt. Für diese Ausstellung fotografierte der Künstler die Lieblingsbekleidungen des Bürgermeisters und der Stadträte Lichtenbergs (v.l. Wilfried Nünthel, Dr. Sandra Obermeyer, Andreas Geisel , Kerstin Beurich, Dr. Andreas Prüfer).


Eva Maria Kollischan
Nach mehreren Tagen des Fahrens und Gehens durch Lichtenberg, des Besuches der Gedenkstätte und des Stasi Museums, wie auch des Mies van der Rohe Hauses, nach viel Nachdenken über unsere Vergangenheit und die unserer Nachbarn, fiel mir im Stasi-Museum eine Anleitung für den Bau einer Kiste auf. Es handelt sich um eine Kiste, die auf einen Lkw gestellt wird und in der jemand sitzt, der andere Menschen heimlich beobachtet. Die Kiste ist so gebaut, dass eine Person sich stunden- oder tagelang darin aufhalten kann. Der Lkw kann an verschiedenen Stellen positioniert werden. Diese Beschreibung hat mich fasziniert, weil sie akribisch genau ist, es wurde an alles gedacht und weil dieses Bestreben, obwohl perfide, auch etwas Anrührendes hat.
Was geht in jemandem vor, der sich so sehr mit der Beobachtung anderer Menschen beschäftigt?
Ich habe die Beschreibung zum Bau der Kiste mit Zeichnungen versehen, die nach Fotografien entstanden sind und das ganze auf DIN A4 Blättern im öffentlichen Raum an einem Bauzaun angebracht, so dass jeder – wenn er das möchte – die Kiste nachbauen kann.


Gertrud Neuhaus
Nachdem ich den ganzen ersten Tag mit dem neuen Fahrrad durch Lichtenberg gefahren und über
Kopfsteinpflaster zur Gertrudstraße und zum Gertrudenhof gelangt bin, sind meine Bandscheiben wieder
ordentlich durchgeschüttelt. Dabei hatten sie sich doch soeben erst vom kürzlichen Vorfall erholt. Also gut, es wird ein Krankenaufenthalt. Ich will ihn genießen.
Jetzt erkunde ich zu Fuß weiter; die Münsterlandstraße ist ganz nah. Ich laufe jeden Tag etwas weiter und dann noch weitere Strecken und zwischendurch liege ich auf dem riesigen Sofa. Ich recherchiere nach Osteopathen in Lichtenberg und schaue, was es hier sonst noch so gibt.
Ständig höre ich die Glocken läuten (weil bald Weihnachten ist?) und hoffe auf eine Wunderheilung.
Endlich meldet sich eine Ostheopathin von der Frankfurter Allee mit einem Terminvorschlag und verspricht mir, dass mein Gehirn eine Fehlsteuerung erkennen und erforderliche Regulationsvorgänge einleiten wird. Sie sei eine der ersten in Deutschland, die NIS (Neurologisches Integrationssystem) praktiziere. Es ginge dabei um die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper und nur eine einzige Behandlung sei nötig für die nachhaltige Selbstheilung. Das hört sich sehr angenehm und bequem an.
Neben den üblichen Attraktionen in Lichtenberg wie Tierpark, Vietnamesen-Markt, Stasi-Museum, Mies-van-der Rohe-Haus und Gedenkstätte Hohenschönhausen sehe ich auch ganz schön viele alte Dorfkirchen (weil Weihnachten ist?). Immer sind sie umgeben von Häusern, die deutlich größer sind als sie. Es wohnen soo viele Menschen hier. Vielleicht fällt mir das aber auch nur auf, weil ich aus Münster komme.

Hier bin ich nun auch wieder, und ich habe inzwischen auch keine Rückenschmerzen mehr.


Lätitia Norkeit
Mit offenen Herzen aufrichtig spazieren

Täglich gehe ich meine Runden im Lichtenberger Park.
Texte und Fotografien entstehen.
Im nahegelegenen Idealback werden die Aufzeichnungen gesichtet und bearbeitet.
Das Wetter ändert sich täglich, Orte des Aufenthaltes bleiben leer.
Ich nehme Texte für Berge, Seen, und Waldstücke auf Kassette auf und spiele sie ab.


Jürgen Paas
1. Phase »FAHRRADPARCOURS«
Tägliche Radtouren durch Lichtenberg von Wartenberg bis Karlshorst, von Friedrichsfelde bis Fennpfuhl.
Gelegentlich über die Grenzen hinaus zum Thälmann-Park, nach Weissensee und Köpenick. Dabei permanente fotografische Dokumentationen. Überlegungen.
2. Phase »INTERVENTIONEN«
Lichtenberg als Mikrokosmos Berlins ist im Detailblick voller rätselhafter, abstrakter, symbolhafter und absurder Tags und Graffitis. Während meiner Touren entwickeln sich hier Aufmerksamkeiten und der Fokus richtet sich allmählich auf eine denkbare Erweiterung dieser Blickfelder im öffentlichen Raum. Im Kontext meiner bisherigen Arbeiten ergibt sich ein Konzept zur temporären Intervention mit kaum merklichem materiellen Einsatz, der subtil spürbare Irritationen erzeugt. Mit farbigen rechteckigen Magnetstreifen ausgerüstet, suche ich nun nach geeigneten Montageflächen.
3. Phase »FINALE«
Am Ende meiner Touren hinterlasse ich eine in der öffentlichen Wahrnehmung stroboskopartige, geometrisch serielle Syntax, jederzeit spielerisch leicht zu ändern, neu zu kombinieren oder zu entfernen.


Jürgen Palmtag
12 Lichtenberg – Songs ——- Berlin, 2. – 7. Februar 2013
Sechs Tage, vom 2. – 7. Februar, ging und radelte ich durch die Strassen und Wege des Berliner Bezirks
Lichtenberg. Vom unteren Rand der Bezirkskarte (Ausgangspunkt die Lichtenberg Studios in der
Türrschmidstrasse ) bis zum oberen, direkt an der Grenze zum Landkreis Barnim.
Konkrete Zielvorgaben hatte ich im Allgemeinen nicht – ich bewegte mich vielmehr eher intuitiv durch die
Stadtlandschaft; die Karte diente höchstens als Korrektiv (wenn ich mal die Orientierung verloren hatte oder über das Ziel, die Bezirksgrenze, hinausschoss).
In erster Linie waren „field recordings“ meine „Beute“, die jeweiligen Orte, an denen ich meine Aufnahmen machte, wurden mit eher beiläufigen Fotos do-kumentiert. Ich besuchte Kneipen, Cafés, Bahnhöfe, Brachen, Naturschutzge-biete, Einkaufs- und Großhandelszentren —— versuchte vergebens, Tonauf-nahmen in Sportzentren und Kitas zu machen („geschützter Privatraum“).
Alle Tonaufnahmen wurden mit einem kleinen Harddisc-Recorder mal mehr, mal weniger verdeckt gemacht. So lag das Gerät z.B. vor mir auf dem Tisch oder hinter mir auf der Bank; ich hielt es im Gehen oder Stehen draußen in der Hand, was immer das bewusst eingegangene Risiko beinhaltete, „Störgeräu-sche“ jeglicher Art mit in die Aufnahme integrieren zu müssen.
Das waren brummende Lüftungen im Vordergrund, Windgeräusche —- die gab es fast immer!! —– und Fluglärm…Alle „Störgeräusche“ und Artefakte wurden nicht etwa aus den Aufnahmen herausgerechnet, sondern sind ein den Gesamtsound prägendes Element —— sie sind das atmosphärische Grundrauschen, das den Aufnahmen Lebendigkeit verleiht und das oft, wenn zum Beispiel in einer Kneipe kaum geredet wird, zusammen mit Hintergrund-musiken einen akustischen Raum schafft.
In zwei Fällen, dem kleinen Bunker in der Nähe des Barnimer Dörferweges und der Ruheplattform am Gehrensee, musste und wollte ich selbst in Aktion treten, da außer fernen Vogelgeräuschen und stetig an- und abschwellendem Flugzeuglärm nichts zu hören war —— also lief und trampelte ich, kratzte am
Gemäuer usw.
Beinahe alle 12 „ Songs“ sind mehr oder weniger deutlich mit Grooves oder fernen melodischen Loops unterlegt, die entweder aus Aufnahmefehlern, Hin-tergrundmusiken oder Sprachfetzen generiert wurden, denn ich wollte ja keine bloße Klangdokumentation abliefern, sondern durch Musikalisierung von Geräuschen und eine behutsame Dramaturgie kurze Lichtenberg-Songs machen. Diese können und sollten in Verbindung mit dem jeweiligen „TatortFoto“ an E-Mails z.B. des Bezirksamtes als „ Klimaschilderung“ des Bezirks Lichtenberg im Februar 2013 angehängt werden!!!


Petra Spielhagen
Die Rummelsburger Bucht ist stadträumlich ein stark entwickeltes Gebiet. An der Nordost- Seite wird luxuriöses Wohnen in neu gebauten Townhouses angeboten. Das Ufer wurde renaturiert, ein Biotop angelegt und entlang des Uferweges eingezäunt. In dieses Ufer stelle ich die gemalte Kulisse eines Tempels. Vorlage ist ein Urlaubsfoto meiner Großmutter aus Indien in den 1970iger Jahren. Der Tempel verfällt langsam, verdorrte Pflanzen ranken sich um sein Haupt, er steht verlassen da.


Katja Pudor
Ich habe mich zu gemeinsamen Ausflügen mit Menschen unterschiedlicher „Herkunft“ getroffen:
b / nL
zB / nL
L / L
eL
Berliner / nicht Lichtenberger
zugezogener Berliner / nicht Lichtenberger
Lichtenberger / noch immer oder wieder Lichtenberger
ehemaliger Lichtenberger
Der Höhepunkt der Tour war die Besteigung eines Punkthochhauses, wo es immer einen öffentlichen Balkon gibt, den Übergang vom Treppenhaus zu den Wohneinheiten.
Die daraus entstandene Sammlung großartiger Ausblicke, die weiter vervollständigt wird, heißt: „Punkthochhäuser zu Aussichtstürmen!“
Die Panoramaaufnahmen werden markiert. Der gewonnene „Ausschnitt – Überblick“ über die Stadt verbindet Lichtenberg mit allen Stadtteilen Berlins.
Die ausgestellte Arbeit entstand in Bezug und als Weiterführung auf den Aufenthalt in den Lichtenberg Studios 2013. Zu der Zeichnung, die ein laufendes Projekt ist und in performativen Aktionen entsteht, gesellt sich ein Fotoalbum, das die „Reise“ von Katja Pudor zeigt. Die Arbeit versucht die Orte und „Wegbegleiter“ in Bezug zur Biografie von Frau Pudor einzuzeichnen, eine Reisebeschreibung, die ihren Anfangspunkt in Lichtenberg hat.
Verbindungen zu schaffen um herauszufinden woher kommt es kommt und wohin geht es geht.


Elisabeth Sonneck
Lokalfarben, Fassaden und ? Dahinter
In der ersten Oktoberhälfte bin ich über Tag ziellos per Rad durch Lichtenberg gefahren und habe währenddessen Notizen zu zurückgelegten Strecken, Orten, Ansichten, Auffälligem und Fragwürdigem gemacht. 7 Blatt Fahrtenschreiber, auch sonst keine Fotos. Als hochdekorierte Schauseite, heruntergelassene Maske, verfallenes ungeschminktes Gesicht, behaglich geschmückte Empfänge für die tägliche Heimkehr, verwitterte Rückblicke auf nicht Fortgesetztes haben mich die vielfältigen Fassaden in Lichtenberg beeindruckt. Was zeigen, wie verbergen Oberflächen? Was vermitteln ihre Farben? Dazu entstanden Serien von Farbtonaufnahmen, Malerei auf Papier, als Recherche für zwei zukünftige Interventionen zwischen Malerei, Reparatur und mimikry.


ststs
Für eine knappe Woche im August 2013 war das Künstlerpaar Stef Stagel und Steffen Schlichter alias
ststs in den Lichtenberg Studios zu Gast. Im Zentrum ihres sehr kompakten Arbeitsaufenthalts stand
die Erkundung des Stadbezirks ausgehend von der Viktoriastadt bis nach Karlshorst, Herzberge oder
Malchow. Ausgedehnte Spaziergänge führten zu kulturellen und politischen Brennpunkten wie der
ehemaligen Stasizentrale oder zur früheren sowjetischen Militärkommandantur, zum Kraftwerk Klingenberg oder dem Dong Xuan Center, aber auch zu der Entdeckung individuell als interessant empfundener Orte ohne nennenswerten Bekanntheitsgrad. Hilfreich hierfür war der ausgiebige Besuch
des Museums Lichtenberg in den Stockwerken unterhalb der Studioräume, das sehr interessantes
lokales, geschichtliches Hintergrundwissen zu den Erkundungsgängen lieferte. Stef Stagel dokumentierte
diese Gänge in Form von Polaroidaufnahmen.
Steffen Schlichter suchte Ansatzpunkte für eine Überführung seiner Arbeiten mit Klebeband in den
Stadtraum, die letztlich relativ konzentriert im Stadtbereich von Rummelsburg ausgeführt wurden.
Die Klebungen mit einfachem Aluband und die auf diese Weise erzeugte spiegelnde Schicht zielten
auf kleine Wahrnehmungsstörungen in Form einer Art „optischen Auslöschung“ banaler Dinge oder
einfache Umstrukturierungen ausgewählter Oberflächen.


Roel van Timmeren
Während meines Aufenthalts in Lichtenberg bemerkte ich, dass es viele Tiere mit seltsamen
Namen und einer seltsamen Erscheinung gab. Weil die Tiere nicht in dieses Umfeld gehören,
fotografierte ich sie und sandte sie zu Forschungszwecken an das National Zoological Institute
in Peking, China. Ich informierte das Institut über meine Erkenntnisse und erwartete zu
hören, was der Ursprung dieser Tiere ist.

Bilder: Uwe Jonas
Oktober, 2025