Leire Pérez Dezcallar

Der Stadtteil war mir von Anfang an vertraut. Seine Bewohnerinnen und Bewohner, die aus vielen verschiedenen Ländern stammen, suchen nach Wegen der Verständigung in einer urbanen Landschaft voller Gegensätze. Die Vegetation wächst durch den Beton, klettert mühelos an Mauern empor, während Graffiti flüchtige Spuren auf Türen und Fassaden hinterlassen. Zwischen Pflanzen und Menschen scheint die Stadt jeden freien Raum füllen zu wollen – als wolle sie der Leere entgegenwirken, jenem horror vacui, den Natur und Street Art gemeinsam zu vertreiben versuchen.


Während meiner Residenz durchstreifte ich Lichtenberg und hielt inne an den Orten, an denen das Urbane und das Vegetative aufeinandertreffen. Diese Erkundung bildete den Ausgangspunkt für ein malerisches und installatives Werk, das neue Formen des städtischen Zusammenlebens imaginiert und jene Räume hervorhebt, die als kleine Reserven der Hoffnung fungieren.


Jeder besuchte Ort erzählt eine Geschichte, birgt eine Spannung oder eröffnet einen Dialog mit der Natur. Es sind Orte des Austauschs, der gemeinsamen Kultur, der Fürsorge und des kollektiven Handelns. Besonders beeindruckten mich die Parks, die fast überraschend alle paar Meter auftauchen: Orte, an denen Pflanzen frei und ungezähmt wachsen. In einigen von ihnen verwandeln sich Gemeinschaftsgärten in Orte des Zusammenlebens und des gemeinsamen Lernens. Zu den von mir besuchten Beispielen gehören der Landschaftspark Herzberge, der Community Garden und der Interkulturelle Garten Lichtenberg.

Projekt


Aus dieser Erfahrung entstand eine große vertikale Leinwand (160 × 350 cm), die mit fotografischer Transfertechnik und Acrylmalerei gestaltet wurde. Jede Sektion verbindet Abbildungen realer Gebäude des Viertels mit gemalten pflanzlichen Formen und schafft so eine visuelle Erzählung der Hoffnung. Aus der wilden Vegetation treten große Augen hervor, die die unsichtbaren Blicke der Bewohnerinnen und Bewohner darstellen – als würden sie die Stadt aus dem Inneren der Natur heraus betrachten. Die Wurzeln verzweigen sich und verbinden sich miteinander, ähnlich wie die grünen Fernwärmeleitungen oder die Bahngleise, die das Viertel durchqueren – lebendige Netze, die den Alltag des Stadtteils tragen.
Das Werk lädt dazu ein, die Pflanzenwelt nicht als bloße dekorative Kulisse zu betrachten, sondern als eine aktive, symbolische, politische und sensible Kraft. So wird Lichtenberg zu einer lebendigen Metapher für jenes unsichtbare, vernetzte Ökosystem, das das urbane Leben trägt.

Juli, 2025